Karlspreis im Krönungssaal: Von TTIP keine Rede

Karlspreis Aachen

Blick in den Aachener Krönungssaal: Die Gäste warten auf Preisträger Martin Schulz, auf die Preisträger vergangener Jahre, den Oberbürgermeister und die anderen hochrangigen Politiker.

1000 Gäste im Krönungssaal, 120 Journalisten akkreditiert. In Aachen wird der Karlspreis verliehen, und da besteht die Möglichkeit, auch (selbst)kritische Töne über Europa in die Welt zu schicken. Der Bischof von Aachen hat die Gelegenheit ein bisschen genutzt, die drei Festredner ebenfalls, Martin Schulz als Preisträger und Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp genauso.

Klar, man kann sich natürlich fragen, warum jetzt gerade Martin Schulz den Karlspreis, eine der wichtigsten Auszeichnungen Europas, bekommen hat. Aber wenn man uns schon keinen Visionär präsentiert, der uns erklären kann, in welche Richtung sich Europa wenden sollte, dann immerhin jemand, der zumindest vor falschen Entwicklungen (Nationalismus) warnt.

Der Tag begann im wunderschönen Dom von Aachen. Der Bischof meinte, die Politik in Europa müsse deutlich karlspreis2015mehr das Gemeinwohl aller im Auge haben. Und Europa müsse mehr für Afrika tun (hoffentlich hat er seine Kirche mitgemeint). Kalt war’s im Dom, gegen 10.30 Uhr hatten wir genug gebetet, und alles spazierte zum Rathaus.

Oberbürgermeister Philipp sprach im Krönungssaal von den Flüchtlingen, denen wir uns „mit positiver Entschlossenheit“ zuwenden sollten. Er forderte eine faire Verteilung der Aufgaben, die mit den Flüchtlingen auf Europa zukommen.

Keiner der Redner ging auf das brandgefährliche TTIP ein, ein Handelsabkommen, vor dem sich viele Menschen in Europa fürchten. Bundespräsident Gauck sprach davon, dass Menschen das Vertrauen in das Projekt Europa verloren haben. Was mMn kein Wunder ist, wenn man bedenkt, wie fleißig viele Abgeordnete und Lobbyisten an dem Handelsabkommen arbeiten. Man will uns Situationen aussetzen, die uns an Leib und Leben, an Hab und Gut Schaden zufügen. Und bedauert bei Festreden, dass wir kein Vertrauen mehr in die Politiker haben. (Informiert euch über TTIP und was das aus Europa machen wird.) Etwas seltsam fand ich zudem, dass Gauck betonte, Europa müsse „wegen all der Kriege vor seinen Toren verteidigungsfähig“ sein.

Eben noch auf Kuba, gestern in Aachen: der französische Staatspräsident Hollande. Der lobte die Hartnäckigkeit

karlspreis2015

Zum Abschluss sang Peter Maffay für seinen Freund, wie es hieß, „Über sieben Brücken musst du geh’n“.

und Entschlossenheit, mit der Schulz die Aufstellung von Spitzenkandidaten bei der Europawahl vorangetrieben hatte. Von der Rede des jordanische Königs Abdullah II ibn al-Hussein ist mir im Gedächtnis geblieben, dass er sich für Israel und die Palästinenser einen Frieden in gegenseitigem Respekt wünscht, wie ihn das früher in vielen Kriegen sich zerfleischende Europa heute erlebt. Mir schien, als bitte er zwischen den Zeilen die Europäer um Hilfe.

Schulz selbst sagte, was er schon oft gesagt hat: Man möge nicht alles Schlechte der Brüsseler Politik in die Schuhe schieben und alle Erfolge den einzelnen Nationen zuschreiben. Schulz sieht aufkommenden Nationalismus und warnt vor nationalstaatlicher Idylle. Und: „Wer wieder Grenzen errichten will, der will uns trennen.“ – In der Tat stehen ja die Feinde Europas und die Feinde der Demokratie jetzt immer auf den Wahlzetteln. Und werden zunehmend gewählt. Schulz hält nichts davon, „dass wir uns in die Einzelteile zerlegen“.

Leider blieb uns in der Aula Carolina der Anblick dieses sonderbaren Bildes von Kaiser Karl - gemalt von Emil Ciocoiu - nicht erspart. Nicht nur ich fand das befremdlich.

Leider blieb uns in der Aula Carolina der Anblick dieses sonderbaren Bildes von Kaiser Karl – gemalt von Emil Ciocoiu – nicht erspart. Nicht nur ich fand das befremdlich.

Der Preisträger hat sich, behängt mit der Karlspreis-Medaille, noch auf den mit Menschen knallvollen Katschhof begeben und mit allerlei Leuten geredet. Dann ging’s zum Empfang. Sekt und Häppchen in der Aula Carolina. Auch dort herrschte drangvolle Enge.

Bewacht hat uns übrigens sehr diskret ein Heer von Polizisten, Feuerwehrleuten und Maltesern. Und: Die Proteste hielten sich SEHR in Grenzen. Kein Pfeifen, keine Buh-Rufe wie sonst, vielmehr spontaner Applaus auf dem Markt, den man bis in den Krönungssaal hinein hören konnte.

*

(Dieser Bericht wurde noch am Himmelfahrtstag veröffentlicht und heute, 15. Mai, gegen 8 Uhr noch verändert/aktualisiert.)

 

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