Neue Kunst und alte Stolpersteine in Aachen

beslan_28Praktisch in letzter Minute konnte ich noch eine Installation im „Kunstwechsel“ in der Wilhelmstraße in Aachen besichtigen (s. Foto oben). Die Gestaltung des Raumes und der Anlass vermittelten denkbar unangenehme Gefühle. Zu sehen sind 186 Kinder-Fahrradhelme auf etwas, das an Schultüten erinnert, davor steht jeweils ein Kinder-Gummistiefel.

Es ist eine Installation, die an einen schrecklichen Terroranschlag auf eine Schule (!) erinnert. Am 3. September 2004 wurden 186 Kinder in der Schule von Beslan (Nordkaukasus) durch einen Terroranschlag getötet. In Gedenken an diese Opfer hatte der Künstler Mohammed Ahmed die Installation „Memory Beslan“ entwickelt. Bis zum 15. Februar hatte er sie im Kunstwechsel wieder aufgebaut, um der aktuellen Terroropfer zu gedenken.

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Die nächste Ausstellung im „Kunstwechsel“ wird am Freitag, 27. Februar, um 18 Uhr eröffnet. Zu sehen sind bis zum 10. März Werke der in Berlin lebenden Künstlerin Elena Katz, die in New York geboren wurde. Ausstellungsmacher Wolfgang Becker und der Kulturbetrieb der Stadt Aachen laden ein.

Katz ist eine jüdisch-amerikanische Konzeptkünstlerin. „Spaced Memory“ (2011 bis jetzt) ist ein fortlaufendes Multi-Media-Projekt, in dem Orte vergessener jüdischer Geschichte in Ländern Osteuropas dokumentiert und betrachtet werden. „Eine Auswahl aus diesem sich entwickelnden Projekt und verwandte Arbeiten werden gezeigt“, so wird in der Einladung zur Ausstellung mitgeteilt.

Die Künstlerin hat Vorfahren, die einst in Aachen lebten. Ein Stolperstein in der Adalbertstraße erinnert seit Jahren an diese Familie. Am Sonntag, 1. März, um 16 Uhr gibt es eine Performance, in der die Künstlerin ihre eigene Familiengeschichte in Aachen behandelt.

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Stolperstein für Fredy Hirsch, der sich in der Richardstraße 7 in Aachen befindet. Es hat lange gedauert, bin ich den Stein gefunden hatte. Er ist sehr klein, zum Größenvergleich: neben dem Stein liegt eine 10-Cent-Münze.

Stolperstein für Fredy Hirsch, der sich in der Richardstraße 7 in Aachen befindet. Es hat lange gedauert, bin ich den Stein gefunden hatte. Er ist sehr klein, zum Größenvergleich: neben dem Stein liegt eine 10-Cent-Münze.

Mit der eingangs erwähnten Ausstellung im „Kunstwechsel“ nichts zu tun hat der Stolperstein für den einstigen Aachener Bürger Fredy Hirsch in der Richardstraße 7. Das ZDF berichtete im Rahmen der Sendung „Mit dem Mut der Verzweiflung. 70 Jahre nach Auschwitz“  über den in Aachen geborenen Fredy Hirsch, Sohn des Metzgers und Lebensmittelgroßhändlers Heinrich Hirsch und seiner Frau Olga. Anlässlich des 70. Jahrestages der Befreiung von Auschwitz schilderte das ZDF in einer 80minütigen szenischen Dokumentation das Schicksal von Menschen, die trotz ständiger Todesangst in der Hölle der Mordfabrik Mut bewiesen, ihre Menschlichkeit bewahrten, sich für andere opferten. Fredy Hirsch war einer von ihnen. Und er wuchs als jüdischer Deutscher in Aachen auf.

Musical-Abend auf dem Katschhof mit Nicole Malangré

Es darf ein bisschen mehr sein: Auf dieser imposanten Bühne wird in den kommenden Tagen nicht nur gebetet. Es werden auch Songs aus einem neuen Karl-Musical vorgetragen.

Es darf ein bisschen mehr sein: Auf dieser imposanten Bühne wird in den kommenden Tagen nicht nur gebetet. Es werden auch Songs aus einem neuen Karl-Musical vorgetragen.

Gewusel rund um Dom und Rathaus: Für drei Ausstellungen und die Feiern zur Heiligtumsfahrt kommen die Arbeiten langsam zu einem Ende. An jeder Ecke wird gerade noch gebastelt und geschoben, zurechtgerückt und eingefügt.

Und weil die imposante Bühne für die Heiligtumsfahrt auf dem Katschhof einmal steht, wird sie auch für ein Kulturprogramm genutzt. Nicht nur für Messen. Am kommenden Dienstag, 24. Juni, werden Songs aus einem neuen Musical gesungen. Dabei hat das Aachener Publikum Gelegenheit, die Aachener Künstlerin Nicole Malangré mal wieder zu erleben.

Gaben Kostenproben von „Karl - das Musical“: Nicole Malangré und Komponist Karl Frenzel.

Gaben Kostenproben von „Karl – das Musical“: Nicole Malangré und Komponist Karl Frenzel.

Das Bistum ist als eine Art Sponsor dabei, und das Musical handelt natürlich – wie könnte es im Karlsjahr anders sein – von Karl dem Großen. Es singt auch nicht Nicole Malangré allein, sondern mit ihr stehen noch Karim Khawatmi und Dietmar Ziegler auf der Bühne. 1600 Musical-Fans dürfen auf dem Katschhof Platz nehmen, auf die neue Treppe im Rücken des Rathauses dürfen sich weitere Personen setzen. Sehr zur Freude der Geistlichkeit, so konnte man bei der Präsentation des Musical-Abends erfahren, wird Karl in den Songs nicht als grausamer Herrscher vorgestellt, sondern ausdrücklich als Mann mit Gefühlen, mit Feingefühl sogar, Moral, dezenter Religiosität und allem, was Menschen sympathisch macht.

Initiator und Komponist des Stücks ist Karl Frenzel, der schon seit ein paar Jahren an dem Musical arbeitet und es am liebsten am Theater Aachen aufführen möchte. Einige seiner Songs wurden der Presse und zahlreichen Bloggern schon vorgeträllert, und ich darf sagen: Sie sind sehr eingängig. Aber das ist bei neueren Musicals ja immer so. Die schöne, volle Stimme von Nicole Malangré erfreute jedenfalls bei der Kostprobe das Publikum.

1600 Stühle stehen für Musical-Fans parat.

1600 Stühle stehen für Musical-Fans parat.

Los geht es am Dienstag um 20.30 Uhr, der Eintritt ist frei. Wer ganz sicher sein will, dass er einen Sitzplatz bekommt, sollte deutlich früher auf dem Katschhof erscheinen. Tags zuvor (Montag, 23. Juni) wird die CD mit den Songs noch bei Saturn in Aachen vorgestellt. Beginn ist um 17 Uhr. Die CD kostet 15 Euro, 1,50 Euro werden zum Erhalt des Aachener Domes eingesetzt.

Wer mehr über Nicole Malangré erfahren will:http://de.wikipedia.org/wiki/Nicole_Malangré

Himmelfahrtstag in Aachen – Europa und der Karlspreis

Mehr Macht dem Parlament

Das Europäische Parlament – ist das das Machtzentrum der EU? Nein.
Das Machtzentrum ist der Europäische Rat. In diesem EU-Gremium sind die Staats- und Regierungschefs versammelt. Das Parlament ist so wie bei einem Essen das wenige Gemüse, was noch auf dem Teller ist, es ist Beiwerk.

Hoffe doch sehr, dass es mit Europa nicht abwärts geht.

Hoffe doch sehr, dass es mit Europa nicht abwärts geht.

Durch den Lissabonner Vertrag hat das Parlament ein bisschen mehr Macht bekommen, aber nicht wirklich viel. Das Parlament darf etwas mehr mitentscheiden, und es darf – das ist allerdings wichtig – bestimmend über den (mehrjährigen) Haushalt der EU entscheiden. Es hat „Entscheidungshoheit“ über den Haushalt. Und es darf sich beim Abschluss internationaler Abkommen äußern.

Das Parlament brachte 2010 das Swift-Abkommen zu Fall. Es hat außerdem das Acta-Abkommen ablehnt. Und hat da den beiden absolut dominanten EU-Gremien (Kommission und Europäischer Rat) in die Suppe gespuckt. Jetzt hoffen wir, dass es bei dem Freihandelsabkommen TTIP ebenfalls dazu kommt. Sicher ist das nicht. Es läuft allerdings eine prima Mobilisierung gegen TTIP, wie man selbst in Aachen erleben konnte.

Dass das Parlament bis zum Letzten geht, Gesetzgebungsprozesse blockiert oder Abkommen zu Fall bringt, so schreibt Daniela Kiez auf der SWP-Homepage „ist und bleibt die Ausnahme“. Leider, möchte man sagen.

Bei diesen Themen KÖNNTE das EU-Parlament eine Rolle spielen: Datenschutz und staatliche Überwachung. Da hat das Parlament schon gute Ansätze gezeigt, die Hoffnungen aller Demokraten ruhen diesbezüglich auf den Abgeordneten.

Zu oft sehen wir aber das Parlament in einer reinen Statistenrolle. Zum Beispiel bezüglich Außenpolitik hat es immer noch nichts zu sagen. Und kommt es zu einer Krise, haben sowieso nur die Staats- und Regierungschefs das Heft in der Hand. Da sitzen die EU-Parlamentarier dann rum und können zuschauen, wie von Merkel & Co entschieden wird.

Es handelt sich ja um ein Parlament, das KEINE Regierung stützt. Und das ist schon ein komisches Parlament, das genau das nicht tun muss, wofür u. a. eigentlich die Parlamente in Europa da sind. So kann man sich nur wünschen, dass das Parlament noch ein wenig mehr gestärkt wird, als dies bisher der Fall war.

Karls-Figuren in Purpurrot

Kaiser Karl, 500 Stück, alle nur 110 Zentimeter groß

Kaiser Karl, 500 Stück, alle nur 110 Zentimeter groß

Die Karlchens auf dem Katschhof, dort aufgebaut vom Künstler Professor Ottmar Hörl und seinen Helfern, kurbeln die Fantasie an. Jedenfalls, wenn man daran denkt, die Aktion im Bild festzuhalten. Es finden sich dort allerlei Foto-Liebhaber ein, die zwar keine Profis sind, aber doch durch ein auffallend aufwendiges Equipment auffallen. Es gibt nur wenige Leute, die ihren Unmut äußern, viele staunen und lachen, wenn sie die purpurfarbenen Kerlchen sehen. Man ist natürlich sofort erinnert an Walter Benjamins „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“. Auf jeden Fall sieht man Kaiser Karl den Großen anders, wenn man ihn plötzlich hundertfach und aus Plastik, in 110 Zentimeter Größe, vor sich sieht.

Kaiser Karl im Schaufenster

Kaiser Karl im Schaufenster

. . . lesen Sie ein Geschichtsbuch

Fotos vom 29. März 2014 in Aachen

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Gespenstige Szenen vor dem Aachener Bahnhof zu Beginn, aber mehr noch zum Ende der Demonstration. 1000 Polizisten sorgten dafür, dass etwa 90 (zunächst hieß es noch 50 bis 60) Neonazis vom Bahnhof zum Theater und zurück gehen konnten. In dunkler Nacht marschierten die Nazis mit Fackeln. Man hörte sie brüllen, es war aber wegen der vielen Absperrungen schwer, sie zu sehen.

 

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Beim Straßenfest anlässlich der Anti-Nazi-Demo in Aachen am Elisenbrunnen gab es tolle musikalische Beiträge. Im Hintergrund zu erkennen: das Banner mit der Aufschrift „Wir sind Aachen, Nazis sind es nicht“. Auch Oberbürgermeister Marcel Philipp war beim Anti-Nazi-Straßenfest dabei.

 

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Marc Teuku und Udo Pütz (v.l.) mit dem Banner der Piraten, das für ziemlich viel Aufsehen sorgte. In stundenlanger Arbeit hatten mehrere Piraten das Banner am Vorabend der Demonstration gebastelt. Es entspricht vom Inhalt her den Auffassungen der Piraten und wird – falls die Nazis sich noch mal blicken lassen – sicher einen weiteren Einsatz erleben. Übrigens: Mark Teuku und Udo Pütz würden am 25.Mai gern in den Rat der Stadt Aachen gewählt werden.

 

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Szene beim Straßenfest.

 

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Dieses Foto konnte nur gemacht werden, weil ich in eine Kneipe gegangen bin und dort die Erlaubnis erhielt, aus einem bestimmten, an sich nicht zugänglichen Fenster zu fotografieren. Wie hier zu sehen ist, standen die Menschen an den Absperrgittern und harrten der Nazis, die vom Bahnhof aus kommen sollten. Und schließlich auch kamen. Am Bahnhof wurden die Spacken aufgehalten, und es wird nun die Frage diskutiert, ob es sinnvoll ist, die Elenden erst gar nicht aus dem Bahnhof raus zu lassen. Dies könnte durch Sitzblockaden geschehen. Ich halte davon nichts, bin aber diesbezüglich nicht wirklich kompetent.

 

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Hier noch mal das Banner in voller Breite. Ein kurzes Textchen zu den Vorgängen habe ich auf  http://uebergangshymne.wordpress.com  gebracht.